PolitikZeit

Politik und Wirtschaft im Dialog


Die PolitikZeit findet jährlich statt. Den Dialog zwischen Politik, Verwaltung und Wirtschaft zu erhalten und zu vertiefen ist ihr wichtigstes Merkmal. In Impulsvorträgen oder Podiumsgesprächen geht es um bedeutende Themen für den Norden: sei es Wirtschafts- oder Verkehrspolitik, Sicherheit, Kultur, Integration oder Bildung. Die Gäste der PolitikZeit haben die Möglichkeit, führende Politikerinnen, Politiker, Praktiker und Entscheider persönlich zu erleben und mit ihnen ins Gespräch zu kommen.

 

PolitikZeit der Vorjahre

28.08.2026

Bildung, die Zukunft schafft: PolitikZeit in Hannover

Nachrichten | Events | Politik

Erstmals hat der AGA Unternehmensverband seine PolitikZeit am 27. August 2026 in Hannover ausgerichtet. Im Mittelpunkt des Abends stand die Frage, wie Bildung und berufliche Ausbildung zur Zukunftsfähigkeit der Wirtschaft beitragen können – und welche Veränderungen notwendig sind, damit junge Menschen gut auf Ausbildung, Beruf und eine zunehmend digitale Arbeitswelt vorbereitet werden. Nach der Eröffnung durch Helmut Münnich, Vorsitzender der AGA-Landesgruppen Niedersachsen und Bremen, setzte Mareike Lotte Wulf MdB, Parlamentarische Staatssekretärin bei der Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend, mit einem Impuls den Rahmen für die anschließende Diskussion mit Philipp Neddermeyer, AGA-Geschäftsführer Niedersachsen, und AGA-Rechtsanwältin Nadine Hotze.

Helmut Münnich machte in seiner Begrüßung deutlich, wie eng Bildungspolitik und Fachkräftesicherung aus Sicht der Unternehmen zusammenhängen: "Die Fachkräfte von morgen fallen nicht vom Himmel. Sie entstehen durch gute Bildung, eine starke Berufsorientierung und engagierte Ausbildungsbetriebe. Damit mehr junge Menschen erfolgreich den Weg von der Schule in Ausbildung und Beruf finden, müssen wir vorhandene Talente frühzeitig fördern und die duale Ausbildung weiter stärken. Gleichzeitig braucht es verlässliche Rahmenbedingungen für Unternehmen: Wer ausbildet und Verantwortung übernimmt, sollte nicht durch immer neue bürokratische Hürden ausgebremst werden."

Mareike Lotte Wulf spannte anschließend einen großen Bogen. Bildungspolitik finde heute in einer Zeit grundlegender Veränderungen statt. Der Krieg in der Ukraine, wirtschaftliche Unsicherheiten und gesellschaftliche Veränderungen hätten Gewissheiten infrage gestellt, mit denen viele Menschen aufgewachsen seien. Entscheidend sei deshalb auch die Frage, unter welchen Bedingungen die nächste Generation aufwachse und wie Freiheit, Demokratie und Wohlstand erhalten werden könnten.

Einen ersten Schwerpunkt legte Wulf auf Kindheit und Jugend im digitalen Zeitalter. Digitalisierung und insbesondere soziale Medien prägten das Aufwachsen inzwischen fundamental. Sie verwies dabei auf zunehmende Belastungen von Kindern und Jugendlichen und sprach sich für „digitale Schutzzonen“ aus. Gleichzeitig gehe es nicht allein um Begrenzungen oder Altersgrenzen für soziale Medien. Das Bildungssystem müsse jungen Menschen Medienkompetenz vermitteln und Antworten auf die rasante Entwicklung Künstlicher Intelligenz finden. Schon heute stelle sich die Frage, ob klassische Bildungsangebote mit der Geschwindigkeit der technologischen Entwicklung Schritt halten könnten.

Ihr zweiter Themenkomplex widmete sich der Leistungsfähigkeit des Bildungssystems. Wulf verwies auf den seit Jahren feststellbaren Rückgang von Kompetenzen in den PISA-Studien und warb dafür, stärker auf eine datengestützte Schul- und Unterrichtsentwicklung zu setzen. Als Beispiel schilderte sie Erfahrungen aus der kanadischen Provinz Alberta: Dort würden Lernstände regelmäßig erhoben, Schülerinnen und Schüler gezielt gefördert und anschließend überprüft, ob die eingesetzten Methoden tatsächlich Wirkung zeigten. Entscheidend sei nicht das Sammeln von Daten an sich, sondern die Bereitschaft, Unterricht auf Grundlage dieser Erkenntnisse weiterzuentwickeln. Ein entsprechender Ansatz werde inzwischen auch in Deutschland in einer Bund-Länder-Zusammenarbeit erprobt.

Die Parlamentarische Staatssekretärin bezog ausdrücklich auch die frühkindliche Bildung ein. Sprachliche und entwicklungsbezogene Defizite müssten möglichst früh erkannt und gezielt aufgefangen werden. Sie sprach sich dafür aus, bei Kindern im Alter zwischen vier und fünf Jahren verbindlich den Sprach- und Entwicklungsstand zu erfassen und gegebenenfalls eine Förderung in der Kita anzuschließen. Zugleich machte sie deutlich, dass solche Vorhaben aufgrund der Zuständigkeit der Länder nicht allein vom Bund umgesetzt werden können.

 

In der anschließenden Diskussionsrunde ging es zunächst um die Situation in den Schulen. Thematisiert wurden heterogene Klassen, zusätzliche soziale und administrative Aufgaben für Lehrkräfte sowie die Frage, wie Lehrerinnen und Lehrer wieder stärker zu ihrer eigentlichen Aufgabe kommen können: dem Unterricht. Wulf sprach sich hier für Klassenassistenzen aus, die Lehrkräfte beim Umgang mit unterschiedlichen Unterstützungsbedarfen entlasten sollen. Sie verwies zugleich darauf, dass individuelle Schulbegleitungen inzwischen teilweise zu einer Vielzahl zusätzlicher Erwachsener in einzelnen Klassen führten. Eine angestoßene gesetzliche Änderung solle deshalb gemeinschaftliche Lösungen durch Klassenassistenzen stärker in den Vordergrund rücken.

Einen breiten Raum nahm außerdem die Berufsorientierung ein. Wulf plädierte dafür, diese stärker regional zu organisieren und Schulen, Schulträger und Unternehmen enger miteinander zu vernetzen. Einzelne Veranstaltungen oder Angebote reichten aus ihrer Sicht nicht aus. Besonders wirksam sei Berufsorientierung dort, wo Jugendliche praktische Erfahrungen machten und persönliche Beziehungen zu Menschen aus Betrieben entstünden. Als Beispiel nannte sie ein Projekt mit sogenannten Berufsstartklassen in Wildeshausen: Jugendliche, bei denen ein erfolgreicher Schulabschluss gefährdet sei, verbrachten dort zwei Tage pro Woche in Betrieben und drei Tage in der Schule. Entscheidend sei die Erfahrung, gebraucht und wertgeschätzt zu werden. Berufsorientierung funktioniere deshalb besonders gut als dauerhaftes Netzwerk zwischen Schule und Wirtschaft.

In diesem Zusammenhang kam auch ein mögliches Gesellschaftsjahr beziehungsweise ein Gesellschaftsdienst zur Sprache. Wulf stellte klar, dass es sich dabei um eine Position der CDU handele und nicht um ein innerhalb der Bundesregierung geeintes Vorhaben. Sie selbst sieht darin neben dem gesellschaftlichen Nutzen auch eine Möglichkeit zur persönlichen Orientierung nach der Schule. Junge Menschen könnten praktische Erfahrungen sammeln und zugleich lernen, mit Krisen und außergewöhnlichen Situationen umzugehen.

Intensiv wurde das Thema Social Media diskutiert. Mareike Lotte Wulf sprach sich für eine stärkere Regulierung und eine verlässliche Altersverifikation aus. Aus ihrer Sicht müsse die Politik auf die Risiken sozialer Medien für Kinder und Jugendliche reagieren. Dabei gehe es neben Suchtmechanismen auch um digitale Gewalt und den Einfluss sozialer Netzwerke auf gesellschaftliche und politische Debatten. Sollte eine europäische Lösung nicht schnell genug zustande kommen, müsse aus ihrer Sicht auch über nationale Schritte nachgedacht werden.

Weiter ging es mit der Künstlichen Intelligenz. Die Bundestagabgeordnete sieht in KI eine strategische Herausforderung für die Bildungspolitik, machte aber zugleich deutlich, dass es dafür derzeit noch keinen fertigen Masterplan gebe. Schon heute veränderten Anwendungen wie ChatGPT die Schulen. Möglich sei deshalb, dass zur Überprüfung tatsächlich vorhandener Kompetenzen wieder stärker auf handschriftliche Prüfungen im Unterricht gesetzt werde. Gleichzeitig müsse Schule KI-Kompetenz vermitteln, denn die Technologie werde bleiben. Für die Entwicklung eines sinnvollen Umgangs mit KI warb Wulf ausdrücklich für einen stärkeren Austausch zwischen Bildung und Wirtschaft.

Zum Schluss der Gesprächsrunde rückte noch einmal die Gleichwertigkeit beruflicher und akademischer Bildung in den Fokus. Diskutiert wurde unter anderem die geplante gesetzliche Verankerung des Deutschen Qualifikationsrahmens und die Frage, welche rechtlichen Folgen sich daraus ergeben könnten. Bedenken der Arbeitgeber, eine formale Zuordnung beruflicher und akademischer Abschlüsse könnte beispielsweise Auswirkungen auf tarifliche Eingruppierungen haben, seien bekannt und würden rechtlich geprüft.

Damit zeigte die erste PolitikZeit in Hannover vor allem eines: Die Herausforderungen rund um Bildung und Fachkräftesicherung lassen sich nicht auf eine einzelne Stellschraube reduzieren. Im Gespräch reichte der Blick von frühkindlicher Förderung und schulischen Basiskompetenzen über Berufsorientierung und berufliche Bildung bis hin zu Social Media und Künstlicher Intelligenz. Immer wieder führte die Diskussion dabei zu derselben praktischen Schnittstelle: Schulen, Politik und Wirtschaft müssen enger zusammenarbeiten, wenn junge Menschen besser auf Ausbildung, Beruf und die Veränderungen der kommenden Jahre vorbereitet werden sollen.

Die PolitikZeit 2026 in Hannover fand mit freundlicher Unterstützung von KPMG und der Deutschen Gesellschaft für Verbandsmanagement e. V. (DGVM) statt. Herzlichen Dank!

 

Fotos: Christian Ströder

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