PolitikZeit

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Die PolitikZeit findet jährlich statt. Den Dialog zwischen Politik, Verwaltung und Wirtschaft zu erhalten und zu vertiefen ist ihr wichtigstes Merkmal. In Impulsvorträgen oder Podiumsgesprächen geht es um bedeutende Themen für den Norden: sei es Wirtschafts- oder Verkehrspolitik, Sicherheit, Kultur, Integration oder Bildung. Die Gäste der PolitikZeit haben die Möglichkeit, führende Politikerinnen, Politiker, Praktiker und Entscheider persönlich zu erleben und mit ihnen ins Gespräch zu kommen.

 

PolitikZeit der Vorjahre

02.06.2026

PolitikZeit 2026: Sicherheit beginnt vor dem Ernstfall

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Sicherheit ist längst nicht mehr nur eine Frage militärischer Stärke. Sie entscheidet sich auch an funktionierenden Lieferketten, belastbarer Infrastruktur, leistungsfähigen Unternehmen und einer Wirtschaft, die in Krisen handlungsfähig bleibt. An genau dieser Schnittstelle setzte die AGA-PolitikZeit am 1. Juni 2026 an: Als Impulsgeber und Dialogpartner sprach Kapitän zur See Kurt Leonards, Kommandeur des Landeskommandos Hamburg. Es war kein Vortrag, der beruhigen sollte. Und doch war genau das sein Ziel: Sicherheit schaffen, indem man offen über Unsicherheit spricht. Leonards zeichnete ein Lagebild, das weit über militärische Fragen hinausreichte. Es ging um China, die USA und Russland. Um hybride Angriffe, kritische Infrastruktur und die Frage, wie gut Deutschland vorbereitet ist, wenn Sicherheit nicht mehr nur Sache der Bundeswehr ist.

Militärisch, sagte der Kommandeur, beginne alles mit dem Lagebild. Und dieses Lagebild richte sich derzeit vor allem auf drei Länder: China, die USA und Russland. China beschrieb Leonards als Macht, die ihre militärischen Fähigkeiten massiv ausgebaut habe und in Afrika längst strategisch präsent sei. Die USA wiederum seien seit Jahren zunehmend auf den pazifischen Raum ausgerichtet. Europa müsse sich darauf einstellen, europäische Probleme stärker selbst zu lösen. Entscheidend aber war in seinem Vortrag der Blick auf Russland. Ein Land, das auf Kriegswirtschaft umgestellt habe, seine Depots fülle und aus Sicht der Bundeswehr spätestens ab 2029 zu größeren militärischen Einsätzen in der Lage sein könne.

Kapitän Leonards machte deutlich, dass die Bedrohungswahrnehmung in Deutschland aus seiner Sicht später eingesetzt habe als in anderen europäischen Ländern. In Skandinavien, im Baltikum oder in Polen sei die Annexion der Krim 2014 bereits der entscheidende Einschnitt gewesen. In Deutschland habe sich die Wahrnehmung vieler erst mit der Zeitenwende-Rede des damaligen Bundeskanzlers Scholz im Jahr 2022 verändert.

Dass die Bedrohung nicht abstrakt sei, belegte der Kommandeur mit Beispielen, die bereits heute in Deutschland sichtbar seien: Stromausfälle, Sabotageverdacht, Manipulationen an Fahrzeugen, Angriffe auf Infrastruktur und Desinformation. Sein Fazit war deutlich: "Wir stehen jetzt schon unter hybriden Attacken in Deutschland, die teilweise jedenfalls aus Russland stammen."

Dabei gehe es nicht zwingend um das Szenario eines direkten militärischen Angriffs mit schweren Bombardierungen. Wahrscheinlicher sei ein Versuch, die NATO zu spalten, etwa durch gezielte Provokationen, Drohnenvorfälle oder ein begrenztes Vorgehen in einem Bündnisstaat. Das Ziel wäre dann nicht unbedingt die militärische Eskalation, sondern die politische Verunsicherung: Steht die NATO geschlossen zusammen? Oder beginnt sie zu relativieren, zu verhandeln, wegzumoderieren? Die Antwort der NATO darauf laute "glaubwürdige Abschreckung". Sie bedeute, militärisch und organisatorisch so vorbereitet zu sein, dass Russland erkenne: Das Risiko eines Angriffs oder einer Provokation ist zu groß.

Im Ernstfall, erläuterte der Kapitän zur See, würden Hunderttausende Soldaten aus dem Westen des NATO-Gebiets in den Nordosten verlegt – ins Baltikum, nach Schweden, Finnland oder Polen. Genau an dieser Stelle wurde der Vortrag besonders relevant für Hamburg und die Wirtschaft. Denn ein solcher Aufmarsch wäre nicht nur eine militärische Operation. Er würde Straßen, Häfen, Logistik, Verwaltung, Polizei, Feuerwehr, Hilfsorganisationen und Unternehmen betreffen. Der Operationsplan Deutschland müsse deshalb in den Ländern erklärt und vorbereitet werden. Der Kommandeur sprach offen über Themen, die er selbst als „Schlechte-Laune-Themen“ bezeichnete: gesteuerte Migration, mögliche Kriegsgefangene, Verwundete, Gefallene, Carearbeit für Familien, die Zusammenarbeit von Bundeswehr, Blaulichtorganisationen und Hilfsdiensten. Allein die Zahl, die er für ein mögliches Verwundetenszenario nannte, machte die Dimension deutlich: 1.000 Verwundete am Tag.

Leonards machte deutlich, dass Gesamtverteidigung nicht nur aus militärischer Verteidigung bestehe. Die Bundeswehr werde in einem solchen Szenario zu großen Teilen außerhalb Deutschlands eingesetzt. Der Schutz kritischer Infrastruktur, die Sicherung ziviler Abläufe und die Widerstandsfähigkeit des Landes müssten deshalb auch zivil gedacht werden – durch Bevölkerungsschutz, Verwaltung, Organisationen und Wirtschaft.

Für Hamburg formulierte der Kommandeur vor allem eine praktische Konsequenz: Die Schnittstellen zwischen innerer und äußerer Sicherheit müssten besser funktionieren. Polizei, Feuerwehr, Bundeswehr, Sanitätsdienst und Hilfsorganisationen müssten dieselbe Sprache sprechen, Abläufe kennen, Kommunikationswege testen. Oder, wie er es auf den Punkt brachte: „Üben, üben, üben.“ Genau dafür stehe die Übungsserie Red Storm. Nach Red Storm Bravo soll in diesem Jahr Red Storm Charlie folgen – mit Kolonnenfahrten durch die Stadt, nachts und gemeinsam mit zahlreichen Unternehmen. 

Am Ende blieb ein ernster, aber nicht lähmender Eindruck. Der Vortrag war eine Warnung, aber auch ein Aufruf zur Handlungsfähigkeit. Sicherheit, so die Botschaft, entsteht nicht erst im Ernstfall. Sie beginnt vorher – in Verwaltungen, Unternehmen, Organisationen und in der Bereitschaft, unangenehme Fragen rechtzeitig zu stellen.

 

AGA-Präsident Dr. Hans Fabian Kruse erinnerte eingangs der Veranstaltung daran, dass der Verband bereits vor zwei Jahren beim EuropaAbend das Thema Sicherheit in den Fokus genommen hatte – damals mit Generalinspekteur Carsten Breuer. Dessen Appell, sich "enger und stärker zu verzahnen" und Verteidigung als gesamtgesellschaftliche Aufgabe zu verstehen, sei unverändert aktuell. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine, hybride Bedrohungen, Cyberangriffe und Sabotageakte gegen kritische Infrastruktur zeigten, wie eng wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und äußere Sicherheit miteinander verbunden seien.

Für Hamburg betonte Kruse eine besondere Verantwortung: Hafen, Logistikdrehscheiben und zahlreiche Unternehmen seien Teil der kritischen Infrastruktur. Eindringlich warnte er vor weiteren Versäumnissen beim Infrastrukturausbau und führte als mahnendes Beispiel die Köhlbrandbrücke an: "Hier sind wir sehenden Auges in den Worst Case geschlittert." Die aktuellen Einschränkungen durch Sanierungsarbeiten und die strikte Lastbegrenzung auf 44 Tonnen kosteten Unternehmen täglich Zeit und Geld. Im Ernstfall sei diese Querung entscheidend für die wirtschaftliche Grundversorgung, Materialtransporte und Truppenverlegungen. "Ohne die neue Köhlbrandquerung ist unsere Funktionsfähigkeit akut gefährdet", urteilte der AGA-Präsident.

Neben infrastrukturellen Fragen richtete Kruse den Blick auch auf die Unternehmen selbst und warb für eine konsequente Krisenvorsorge. Diese sei "Chefsache" und beginne bei klaren Entscheidungsstrukturen, umfasse aber ebenso die Absicherung von Lieferketten, IT-Systemen und interner Kommunikation sowie eine vorausschauende Personalplanung. Im Ernstfall müssten Streitkräfte, Energieversorgung, Gesundheitswesen, Unternehmen und Verwaltung funktionieren. Für Arbeitgeber könne das ganz konkret werden: Über das Arbeitssicherstellungsgesetz könne die Agentur für Arbeit kurzfristig Personal steuern und zuweisen. Auch darauf sollten sich Arbeitgeber frühzeitig einstellen.

Der AGA dankt der Commerzbank AG für die Gastfreundschaft und Unterstützung der PolitikZeit 2026.

Lesen Sie hier auch die Pressemitteilung zur Veranstaltung.


Parallel zu Red Storm Charlie soll am 24. September 2026 Red Storm Business stattfinden. Unternehmen sind eingeladen, ein konkretes Krisenszenario im eigenen Betrieb durchzuspielen: Was passiert, wenn plötzlich der Strom ausfällt? Initiiert von der Handelskammer Hamburg unterstützen der AGA Unternehmensverband, die Handwerkskammer Hamburg und UV Nord das Vorhaben. 

Detaillierte Informationen und die Möglichkeit zur Anmeldung finden Sie hier

Fotos: Christian Ströder & Ulrich Perrey

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