30.01.2026

DIHK-Hauptgeschäftsführerin Dr. Helena Melnikov bei der AGA-Jahrestagung 2026

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Zwischen geopolitischen Spannungen, schwacher Konjunktur und wachsendem Wettbewerbsdruck steht die deutsche Wirtschaft vor großen Herausforderungen. Umso wichtiger ist der offene Austausch über Perspektiven, Verantwortung und notwendige Entscheidungen – wie bei der AGA-Jahrestagung am 29. Januar 2026 in der Patriotischen Gesellschaft in Hamburg. Welche Weichen jetzt gestellt werden müssen, brachte Dr. Helena Melnikov, Hauptgeschäftsführerin der DIHK, in ihrer Keynote auf den Punkt.

Gleich zu Beginn ordnete Dr. Helena Melnikov die aktuelle Lage historisch ein. Die Veränderungen seien tiefgreifend, „was sich im Moment verschiebt, ist, glaube ich, etwas Grundsätzliches“. Rückblickend könne das Jahr 2026 einmal eine ähnliche Bedeutung erlangen wie 1990. Mit dem Ende der bipolaren Weltordnung sei damals eine Phase US-amerikanischer Dominanz entstanden, die nun sichtbar zu Ende gehe. China verfolge seinen Aufstieg mit langfristiger Strategie, während die BRICS-Staaten inzwischen mehr als 40 Prozent der Weltbevölkerung vereinten und ihren Anteil an der globalen Wirtschaftskraft deutlich ausgebaut hätten.

Diese geopolitischen Verschiebungen hätten spürbare Folgen für Deutschland. „Die Globalisierung, die uns jahrzehntelang den Wohlstand verschafft hat, ist an einem Kipppunkt“, sagte Melnikov. Eigeninteressen gewännen zunehmend Vorrang vor gewachsenen Partnerschaften. Für ein exportabhängiges Land wie Deutschland sei das mehr als ein konjunktureller Stresstest. Es sei eine Grundsatzfrage.

Vor diesem Hintergrund formulierte die DIHK-Hauptgeschäftsführerin drei strategische Leitlinien: „Souveränität durch Allianzen, Sicherheit durch Wettbewerbsfähigkeit und Wohlstand durch Innovation.“ Partnerschaften bedeuteten nicht nur Abhängigkeit, betonte sie. Vielmehr wirkten internationale Wirtschaftsbeziehungen wie ein Netz: „Wenn ein Seil aus diesem Netz wegfällt, dann bleibt die Stabilität immer noch erhalten.“

Zugleich machte Melnikov deutlich, dass wirtschaftliche Stärke zunehmend sicherheitspolitische Bedeutung habe. „Wer gebraucht wird, wird nicht angegriffen“, sagte sie mit Blick auf die internationale Wettbewerbsfähigkeit deutscher Produkte. Als Beispiel nannte sie Taiwan, das rund 60 Prozent der weltweiten Halbleiter und über 90 Prozent der modernen Chips produziere, die für Smartphones, KI-Anwendungen und die Automobilindustrie unverzichtbar seien. Diese wirtschaftliche Schlüsselrolle sichere dem Inselstaat internationale Unterstützung. Eine prosperierende Wirtschaft sei damit heute weit mehr als ein ökonomisches Ziel. Sie sei auch Macht- und Sicherheitsfaktor.

Beim Thema Innovation warnte sie vor neuer digitaler Abhängigkeit. Heute seien rund 80 Prozent der deutschen Unternehmen auf digitale US-Importe angewiesen. Umso wichtiger sei es, eigene Stärken weiterzuentwickeln. Etwa dort, „wo Software auf industrielle Stärke trifft“. In Bereichen wie industrienaher KI, Health Tech oder Halbleitern sei der Markt noch nicht verteilt. 

Zum Abschluss machte Melnikov Mut. Die deutsche Wirtschaft habe viele Krisen gemeistert. „Die Welt mag sich wandeln“, sagte sie, doch deutsche Unternehmen stünden bereit, Verantwortung zu übernehmen – auf Basis von regelbasiertem Handel, offenen Märkten und verlässlichen Partnerschaften.

Eröffnet hatte die Jahrestagung zuvor AGA-Präsident Dr. Hans Fabian Kruse mit einer klaren Bestandsaufnahme zur wirtschaftlichen und politischen Lage. 2025 sei für ihn „ein Jahr der Ernüchterung“ gewesen. Die Rezession habe angehalten, während geopolitische Krisen und sicherheitspolitische Spannungen weiter zugenommen hätten.

Der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine, die instabile Lage im Nahen Osten, die Rivalität zwischen den USA und China sowie hybride Bedrohungen prägten inzwischen den politischen Alltag. Besonders kritisch bewertete Kruse die Entwicklungen in den Vereinigten Staaten. Unter Präsident Donald Trump würden die USA zu „einem anderen Land“, das „Make America Great Again“ nicht nur ökonomisch, sondern auch territorial verstehe. Selbst innerhalb des westlichen Bündnisses würden gewachsene Selbstverständlichkeiten infrage gestellt.

Impressionen

 

Für Europa und Deutschland leitete Kruse daraus einen klaren Auftrag ab: „Wir müssen rational handeln, unabhängiger werden, unsere Kräfte bündeln und Stärken stärken.“ Dazu gehörten Investitionen in Sicherheit und Verteidigung ebenso wie ein stärkerer europäischer Binnenmarkt und mehr Tempo bei Handelsabkommen. Das Mercosur-Abkommen bezeichnete er als warnendes Beispiel europäischer Unentschlossenheit. Statt es umzusetzen, habe sich Europa erneut selbst blockiert. Der AGA plädiere deshalb für eine vorläufige Inkraftsetzung – alles andere sei „ein Offenbarungseid europäischer Handelspolitik“.

Unter dem Leitmotiv „Zwischen Dauerkrise und Aufbruch“ beschrieb Kruse die wirtschaftliche Lage in Deutschland als weiterhin angespannt. Hohe Energiepreise, steigende Insolvenzen, zunehmende Regulierung und nun auch wachsende Arbeitslosigkeit belasteten die Unternehmen. Auch im Norden bleibe die Situation herausfordernd. Zwei Drittel der Händler und Dienstleister berichteten von steigenden Kosten, bei 37 Prozent sei der Umsatz gesunken.

Mit Blick auf die Bundespolitik würdigte Kruse einzelne Fortschritte, mahnte jedoch mehr Tempo an. Die angekündigten Reformen seien bislang nur verzögert angelaufen. Besonders kritisch äußerte er sich zur Rentenpolitik. Das Rentenpaket sei „kein großer Wurf“, während die Aktivrente ein sinnvoller Schritt sei. Auch bei der Stromsteuer und der Körperschaftsteuer brauche es frühere Entlastungen. Zugleich verwies Kruse auf positive Signale: Fortschritte in der Asylpolitik, der Umbau des Bürgergeldes sowie erste Schritte beim Bürokratieabbau. Die Bundesregierung sei „zum Erfolg verdammt“, betonte er. Alternativen mit politischen Rändern seien keine Lösung.

Deutlich wurde der AGA-Präsident auch beim Blick auf Hamburg. Der Hafen habe zuletzt wieder Marktanteile gewonnen, doch es brauche dringend bessere Infrastruktur, die Westerweiterung und den Bau der A26 Ost. Scharfe Kritik übte er am Hamburger Klimaentscheid, der aus seiner Sicht einen wirtschaftlich wie sozial unverhältnismäßigen Alleingang erzwinge. Der AGA unterstütze Klimaneutralität, lehne aber eine Überforderung von Unternehmen und Privathaushalten ab.

Auch auf den Themenkomplex Sicherheit und Resilienz kam Dr. Hans Fabian Kruse zu sprechen. Landes- und Bündnisverteidigung seien gesamtgesellschaftliche Aufgaben. Vorbereitung sei keine Panikmache, sondern Verantwortung. Sein Appell an die Unternehmen: sich aktiv mit Resilienz, Lieferketten und personeller Vorsorge auseinanderzusetzen.

Abgerundet wurde die Jahrestagung von einem kurzen Bühnentalk. Im Gespräch mit AGA-Hauptgeschäftsführer Volker Tschirch gab Dr. Helena Melnikov Einblicke in ihre ersten Monate als Hauptgeschäftsführerin der DIHK. Der Zugang zur Politik sei leichter geworden, nicht zuletzt durch die starke Struktur der Organisation mit 79 Industrie- und Handelskammern und einem dichten Auslandsnetz. Besonders wichtig sei eine enge Abstimmung innerhalb der Wirtschaft, denn angesichts der aktuellen Lage dürften Partikularinteressen nicht im Vordergrund stehen. Aus ihren internationalen Gesprächen – unter anderem in den USA und in China – berichtete Melnikov von sehr unterschiedlichen Erwartungen an Deutschland. Entscheidend sei dabei ein geschlossenes Auftreten und ein sachlicher Dialog, gerade bei sensiblen Themen wie Handel und Exportkontrollen. Deutlich positionierte sich Melnikov zur politischen Debatte über Unternehmerinnen und Unternehmer. Aussagen, die Wirtschaft und Beschäftigte gegeneinander ausspielten, wies sie zurück. Solche Bilder hätten „keine Grundlage in der Realität“. Kampfbegriffe führten nicht weiter, betonte sie. Angesichts der großen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen brauche es Dialog, Sachlichkeit und gemeinsame Lösungen.

Für die Unterstützung der AGA-Jahrestagung 2026 danken wir:

Fotos: Krafft Angerer & Christian Ströder

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