14.01.2026

Übersee-Club: Aussichten 2026

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Wenn sich zum Jahresbeginn im Hotel Atlantic Hamburg Unternehmerinnen und Unternehmer, Politik und Medien treffen, dann hat ganz sicher der Übersee-Club zu seinen "Aussichten" eingeladen. Am 13. Januar 2026 war es wieder soweit. Fünf Branchenexperten teilten ihre Erwartungen für das bevorstehende Jahr. AGA-Präsident Dr. Hans Fabian Kruse vertrat erneut die Außenwirtschaft.

Die Rezession hielt an, die neue Regierung brauchte Zeit, und die geopolitischen Schreckensmeldungen rissen nicht ab. "Wir befinden uns in einem hybriden Krieg mit Russland und erleben ein China, das seine Macht immer stärker ausspielt. Die USA definieren ihre Rolle neu", fasste Kruse die zunehmende Machtpolitik auf der Welt zusammen. Sein dringender Appell: Europa müsse eigenständig und stärker werden, sonst werde es ignoriert. Dabei meinte er auch die militärische Verteidigungsfähigkeit.

Wirtschaft zwischen Stillstand und Reformdruck

Auch wirtschaftlich zog der AGA-Präsident eine ernüchternde Bilanz. Das Bruttosozialprodukt habe 2025 bestenfalls stagniert, Deutschland liege weiterhin auf Vor-Corona-Niveau, während andere Industrieländer zweistellig gewachsen seien. Für 2026 rechne er mit einem Wachstum von einem Prozent – "hauptsächlich befeuert durch staatliche Ausgaben und mehr Arbeitstage".

Am Außenhandel zeigte Kruse die strukturellen Probleme deutlich auf: Während der Welthandel um drei Prozent gewachsen sei, seien die deutschen Exporte um ein Prozent gesunken, die Importe aber um fünf Prozent gestiegen. Besonders auffällig sei das Defizit im Handel mit China – 170 Milliarden Euro Einfuhren stünden 80 Milliarden Euro Ausfuhren gegenüber. "Deutschland ist immer weniger wettbewerbsfähig, und die Basis unseres Wohlstands, der Außenhandelsüberschuss, sinkt", so der Experte.
Angebotsseitig belasten hohe Kosten und lähmende Bürokratie den Außenhandel. Abnahmeseitig schlagen sich eine starke Konkurrenz und die hohe Unsicherheit durch Kriege, Zölle und Exportverbote nieder. Festzustellen seien eine "eiskalte Machtausübung im eigenen Einflussbereich" und "direkte Erpressungsversuche": fehlende seltene Erden aus China, Investitionsdruck aus den USA.

Die Inflation liege stabil bei gut zwei Prozent, die Zentralbankzinsen bei ebenfalls zwei Prozent. Sorgen bereite ihm dagegen der Arbeitsmarkt: Mit 2,9 Millionen Arbeitslosen verzeichne Deutschland den höchsten Stand seit 15 Jahren – bei sinkender Erwerbstätigkeit. "Wir verlieren gut bezahlte Jobs in der Industrie", sagte Kruse und forderte mehr Arbeitsanreize und Reformen der Sozialsysteme.

Energie, Bürokratie und Realitätssinn

Ein weiterer Punkt seiner Rede galt der Energiepolitik. Der nationale "Mehrfachausstieg" ohne Abstimmung mit den europäischen Partnern habe zu hohen Preisen und CO₂-intensivem Strom geführt. "Auch auf diesem Gebiet brauchen wir Ernüchterung und Realitätssinn", sagte Kruse. Photovoltaik und Wind hätten Leitungs-, Speicher- und Backup-Kosten, die zu lange verdrängt worden seien.

Für die Unternehmen bleibe zudem die wachsende Bürokratie ein zentrales Problem. Er nannte vier EU-Vorgaben – CSRD, CSDDD, CBAM und EUDR – als Beispiele für gut gemeinte, aber schlecht gemachte Regulierungen: "Sie kosten die Unternehmen viel Geld und Zeit und erreichen ihre Ziele eher nicht."

Europa als Heimatmarkt

In der Außenwirtschaft sieht Kruse Europas Handlungsfähigkeit als entscheidend: "Deutschland braucht einen freien Weltmarkt und ein möglichst starkes Europa. Europa ist unser Schicksal und die Europäische Union unser Heimatmarkt." Zwei Drittel des deutschen Außenhandels entfielen auf die EU. Um global ernst genommen zu werden, müsse Europa wirtschaftlich und militärisch stärker werden – mit Fortschritten bei Banken- und Versicherungsunion, Energie- und Verkehrsnetzen sowie gemeinsamer Verteidigungspolitik.

Handelsabkommen wie jene mit Japan, Korea, Chile oder Kanada seien Erfolge, neue Partnerschaften müssten aber schneller geschlossen werden: "Wir brauchen Freihandelsabkommen, die den Austausch erleichtern und nicht mit Ideologie überfrachtet werden." Hoffnung setze er auf Mercosur sowie auf laufende Gespräche mit Australien, Indien und weiteren ASEAN-Staaten.

Handelspartner USA und China

Zum Schluss nahm der AGA-Präsident die beiden wichtigsten außereuropäischen Handelspartner in den Blick. Die USA blieben trotz Rückgangs um acht Prozent wichtigster Exportkunde und Sicherheitsanker. Unter Präsident Donald Trump aber sei die Handelspolitik zunehmend unberechenbar. "Trump liebt Zölle und nutzt sie, um andere Länder zu zwingen", sagte Kruse. Der durchschnittliche US-Zollsatz sei 2025 von 2,6 auf 18,5 Prozent gestiegen.

China dagegen bleibe die größte Herausforderung: Massive staatliche Förderung, Rohstoffmonopole und aggressive Plattformstrategien wie Temu und Shein setzten deutsche Unternehmen unter Druck. „Europa braucht ein realistisches Chinabild, eine klare Strategie und ein angepasstes Verhalten“, forderte Kruse.

Trotz aller Herausforderungen endete seine Rede mit einem optimistischen Ausblick: "Ich glaube an die europäische Idee und unsere gemeinsame Kraft, mit Erfindungsgeist und weniger Detailregulierung die Zukunft zu meistern."

Für die weiteren Branchen sprachen bei den Aussichten 2026:

  • Schifffahrt: Dr. Gaby Bornheim, Präsidentin | Verband Deutscher Reeder (VDR)
  • Handwerk: Hjalmar Stemmann, Präsident | Handwerkskammer Hamburg
  • Industrie: Andreas Pfannenberg, Vorstandsvorsitzender | Industrieverband Hamburg e.V.
  • Digitalwirtschaft: Philipp Westermeyer, Gründer | OMR

Lesen Sie auch die Berichterstattung im Hamburger Abendblatt zu den Aussichten 2026 (kostenpflichtiger Artikel).

Fotos: Christian Ströder/AGA

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