21.10.2025

Unterstützung für Auszubildende: Azubi Companion

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Der Übergang von der Schule in die Ausbildung ist für viele junge Menschen ein bedeutender Schritt – oft begleitet von Unsicherheiten, Herausforderungen und ganz individuellen Lebensumständen. Diese zeigen sich nicht selten in schwierigen Startbedingungen: eine fehlende oder brüchige schulische Vorbildung, mangelnder Rückhalt im privaten Umfeld oder Schwierigkeiten, sich im neuen Ausbildungsalltag zurechtzufinden – Faktoren, die den Einstieg ins Berufsleben deutlich erschweren können. Genau hier setzt Azubi Companion mit seinen sechs Companions (Stand: Juni 2025) an.

Die Initiative hat es sich zur Aufgabe gemacht, Auszubildende nach dem Start in ihre berufliche Zukunft individuell zu begleiten. Gleichzeitig stehen auch Ausbildungsbetriebe vor der Herausforderung, junge Talente in einer Zeit des Fachkräftemangels erfolgreich zu integrieren und zu halten. Im Interview mit AGA-Geschäftsführerin Julie Christiani mit den Gründerinnen Dr. Melanie Steinhoff und Julia Wöhlke darüber, wie Azubi Companion diese Lücke schließt und warum eine frühzeitige und kontinuierliche Begleitung so wichtig ist so entscheidend sind und was sie sich für 2026 vorgenommen haben.

Bei Azubi Companion ist der Name Programm. Ihr bietet Jugendlichen und jungen Erwachsenen eine ganz individuelle Ausbildungsbegleitung. Was heißt das genau?

Melanie Steinhoff: Bei uns bekommt jeder Azubi von Beginn an eine feste Vertrauensperson zur Seite gestellt – und das über die gesamte Ausbildungszeit hinweg. Es gibt regelmäßige Treffen – die sogenannte „Azubi-Zeit“ – in der genau die Themen besprochen werden, die den jungen Menschen gerade beschäftigen. Wenn es zum Beispiel schulische Schwierigkeiten gibt, wird der Stoff im eigenen Tempo noch einmal durchgegangen. Wenn es persönliche Sorgen gibt, dann hören wir zu und helfen ganz konkret weiter. Wir begleiten auch zu Behörden, wenn nötig. Es geht darum, Stabilität zu schaffen und Probleme so gut es geht aus dem Ausbildungsalltag herauszuhalten. Azubi Companion – das ist halt wirklich Programm.

Dann benötigt ihr ein breites Spektrum an Fachwissen?

Steinhoff: Ja, genau. Wir bereiten uns gezielt auf unterschiedliche Themen vor und arbeiten uns auch in neue Inhalte ein, wenn es nötig ist – inklusive passender Lernmaterialien. Viele junge Menschen merken dabei: Wir nehmen sie wirklich ernst. Wenn jemand zum Beispiel das Herz-Kreislauf-System nicht verstanden hat, erklären wir es noch mal – anders, in ihrem Tempo, individuell. Nicht in der Nachhilfegruppe, nicht im Klassenverband, sondern so, dass man sich traut, Fragen zu stellen. Das macht für viele einen großen Unterschied. Sehr wichtig, wir achten von Anfang an darauf, die passende Begleitperson für den jeweiligen Azubi zu finden. Denn Kontinuität ist für viele entscheidend. Der Aufbau einer stabilen, vertrauensvollen Beziehung ist die Grundlage unserer Arbeit. Alles läuft über Beziehung und die kann nur entstehen, wenn eine feste Person dauerhaft an der Seite ist und die gemeinsame Zeit auch wirklich dafür genutzt wird.

Euer Ansatz ist also das Gegenteil vom Gießkannenprinzip.

Steinhoff: Exakt. Und das soll es auch sein. Bei uns gibt es keine Standardlösungen, sondern individuelle Begleitung, die auf die tatsächlichen Bedürfnisse jedes Einzelnen schaut.

In Hamburg gibt es schon einige unterstützende Maßnahmen, z. B. die erwähnte Nachhilfe. Welche Lücke schließt ihr im System der Berufsausbildung?

Steinhoff: Ich glaube, wir erreichen vor allem die Azubis, die mit größeren oder komplexeren Herausforderungen in die Ausbildung starten – und genau für sie gibt es bisher kaum  kontinuierliche Begleitung, die freiwillig, individuell und niedrigschwellig funktioniert. Bei uns betreut eine Vertrauensperson ungefähr 15 Azubis und sie ist auch außerhalb der festen Termine ansprechbar. Wenn es nötig ist, gibt es auch mal zwei Treffen in der Woche – zum Beispiel vor einer Klassenarbeit oder wenn es akute Probleme gibt.

Wir motivieren, begleiten, organisieren auch regelmäßige Azubi-Treffen und bieten einen offenen Lernraum, der jederzeit genutzt werden kann – zum eigenständigen Lernen oder einfach, um da zu sein. So entsteht eine kontinuierliche Anlaufstelle, die Verlässlichkeit und Vertrauen schafft.  Wir sind nicht institutionell angebunden, sondern stehen bewusst außerhalb von Betrieb, Schule und formalen Strukturen. Das schafft einen Vertrauensraum, in dem junge Menschen offen sprechen können – ohne Druck, ohne bürokratische Hürden. Genau das macht unser Angebot so besonders.

Julia Wöhlke: Ich glaube, einen besonderen Unterschied macht es, mit wie viel Herzblut alle dabei sind. Gerade in einem kleinen Team können wir viel flexibler und persönlicher agieren. Das ermöglicht es uns, wirklich individuell auf die Azubis einzugehen und eine enge, vertrauensvolle Beziehung aufzubauen.

Wie werden die Jugendlichen denn auf euch aufmerksam und was bringen sie mit? Also was ist der Hauptgrund, warum sie sich an euch wenden?

Steinhoff: Das ist ganz unterschiedlich. Viele kommen über Initiativen, die beim Übergang von der Schule in die Ausbildung unterstützen, oder über die Schulsozialarbeit, die ihre Jugendlichen nach dem Schulabschluss gut aufgehoben wissen wollen. Auch Ausbildungsbetriebe melden sich zunehmend bei uns, weil sie ihren Azubis zusätzliche Unterstützung bieten möchten. Besonders schön ist: Immer mehr Azubis kommen inzwischen von sich aus – weil sie von anderen gehört haben, dass es hilft. In Zukunft wollen wir noch etwas wachsen und bis zu 140 Azubis begleiten.

Und es geht bei uns nicht nur um Nachhilfe oder Problemlösung. Wir schaffen auch Gemeinschaft – mit regelmäßigen Azubi-Treffen, gemeinsamen Lernzeiten, Pizzaabenden und spannenden Gästen. Es soll nicht nur stärken, sondern auch Spaß machen und motivieren.

Wöhlke: Es ist wichtig anzuerkennen, dass Einsamkeit für viele junge Menschen ein Thema ist. Die Möglichkeit, einfach vorbeizukommen, Freundschaften zu knüpfen oder Anschluss zu finden, ist ein zentraler Bestandteil unseres Angebots. Ein schönes Zeichen dafür, dass das ankommt: Es spricht sich ganz von selbst herum. Für uns ist das ein wertvolles Feedback.

Ihr seid eine gGmbH, habt Räume, Angestellte – das trägt sich nicht von allein. Wer beauftragt euch und wie finanziert sich das Angebot? Läuft das über die Unternehmen selbst?

Wöhlke: Idealerweise ja – aber aktuell ist das noch nicht durchgängig der Fall. Wir wünschen uns, dass Unternehmen von Anfang an mit im Boot sind und die Begleitung ihrer Azubis aktiv unterstützen. Das macht vieles einfacher, zum Beispiel wenn es darum geht, die Azubis für ein bis zwei Stunden pro Woche freizustellen, damit sie überhaupt Zeit für die Begleitung haben.

Derzeit kommen häufig Azubis direkt zu uns, ohne dass das Unternehmen zunächst eingebunden ist. Manche Betriebe kennen uns noch nicht oder sind anfangs zurückhaltend. Da leisten wir dann Überzeugungsarbeit. Dabei profitieren die Betriebe am Ende klar: Sie bekommen motivierte Auszubildende, die besser durch die Ausbildung kommen – und wir arbeiten eng mit den Ausbilderinnen und Ausbildern zusammen.

Unsere Pilotphase wurde zunächst über Spenden und Förderpartner finanziert. Jetzt, im zweiten Jahr, führen wir Gespräche mit Unternehmen über eine Beteiligung. Wir würden in Zukunft gerne verstärkt Azubis aufnehmen, bei denen sich das Ausbildungsunternehmen auch in irgendeiner Form an der Finanzierung beteiligt.

Und beauftragt das Unternehmen euch?

Wöhlke: Teilweise. Wir befinden uns  noch in einem Lernprozess. Es gibt momentan zwei Wege: Entweder ein Unternehmen entscheidet sich bewusst für eine Zusammenarbeit und beauftragt uns über einen Dienstleistungs- oder Kooperationsvertrag für die Begleitung eines konkreten Azubis. Oder es unterstützt unser Projekt durch eine Spende, weil es das Engagement grundsätzlich gut findet – unabhängig davon, ob ein eigener Azubi beteiligt ist. Beide Optionen sind möglich: gezielte Unterstützung oder ein Beitrag zur allgemeinen Förderung.

Steinhoff: Wir konnten in einer Pilotphase – dank unserer Förderpartner – erste Erfahrungen sammeln, Strukturen aufbauen und unser Angebot professionalisieren. Inzwischen liefern wir eine richtig gute Qualität. Wir kennen die Prüfungsanforderungen, wissen, wie die Abläufe in der Ausbildung funktionieren, und können die Azubis gezielt unterstützen.

Der Bedarf wächst spürbar – und auch die Rückmeldungen der Betriebe sind sehr positiv. Viele freuen sich über die Entlastung und die zusätzliche Unterstützung für ihre Auszubildenden. Wenn wir das langfristig anbieten und ausbauen wollen, brauchen wir aber auch die Beteiligung der Ausbildungsbetriebe. Unser Ziel ist es, noch mehr Azubis zu begleiten – dauerhaft und verlässlich. Dafür müssen alle an einem Strang ziehen.

Jetzt, wo wir zeigen können, dass unser Konzept funktioniert und angenommen wird, wünschen wir uns genau das: dass Unternehmen mitziehen. Denn die größte Sorge war anfangs, ob das überhaupt klappt. Ob Azubis das Angebot annehmen, ob es sich mit dem Ausbildungsalltag vereinbaren lässt. Und heute sehen wir: Ja, es funktioniert!

Wöhlke: Wir merken, dass manche Anfragen von Betrieben erst spät kommen, wenn es plötzlich eng wird. Natürlich unterstützen wir auch dann, aber eigentlich wäre es viel sinnvoller, früher anzusetzen. Idealerweise schon vorsorglich, wenn erste Herausforderungen sichtbar werden – zum Beispiel beim Start in die Berufsschule. Denn je früher wir begleiten, desto nachhaltiger kann die Unterstützung wirken. Ein guter Start legt oft den Grundstein für eine erfolgreiche Ausbildung.

Was sollten Unternehmen mitbringen, damit die Azubis auch erfolgreich durch das Programm gehen und am Ende die Ausbildung schaffen?

Steinhoff: Vor allem braucht es die Bereitschaft zur Zusammenarbeit und zum Austausch. In den meisten Fällen klappt das sehr gut – viele Ausbilderinnen und Ausbilder sind offen für Gespräche und nehmen sich Zeit für einen Austausch. So können wir gemeinsam frühzeitig reagieren, wenn etwas nicht gut läuft, oder gezielt unterstützen – etwa bei bestimmten Aufgaben oder Prüfungsvorbereitungen.

Wichtig ist auch, dass die Betriebe den Azubis die nötige Zeit geben. Wenn jemand den ganzen Tag auf der Baustelle war, dann nach Hause muss, duscht und abends um 18 Uhr zur Mathe-Nachhilfe kommt, ist das einfach nicht sinnvoll. Idealerweise wird wöchentlich Zeit freigeräumt, damit die Azubis wirklich konzentriert an ihren Themen arbeiten können. Insgesamt sehen wir, dass die Bereitschaft in den Betrieben wächst, auch mal länger vor einer Prüfung freizustellen und zusätzliche Lernzeit zu ermöglichen.

Wöhlke: Ja, da gibt es viele schöne Beispiele. Oft beginnt es ganz unkompliziert – manchmal ruft ein Azubi einfach an oder schreibt eine Nachricht, weil er von uns gehört oder unseren Flyer gesehen hat. Das zeigt, wie niedrigschwellig der Zugang ist.

Wenn jemand Interesse hat, vereinbaren wir ein erstes Treffen. Dort erklären wir, wie das Programm abläuft, was wir anbieten, wie oft man sich trifft – und auch, dass es ein paar Grundregeln gibt, damit die Zusammenarbeit gut funktioniert. Alles ist freiwillig, aber verbindlich. Wenn der Azubi zustimmt, nehmen wir Kontakt zum Ausbildungsbetrieb auf und stimmen gemeinsam ab, wann die wöchentlichen Treffen stattfinden können.

Inhaltlich ist das sehr individuell: Manchmal geht es um die Vorbereitung auf eine Klassenarbeit oder um die kontinuierliche Nachbereitung des Schulstoffs – dann bringen die Azubis ihre Unterlagen mit, wir gehen den Stoff gemeinsam durch, nutzen Checklisten der Berufsschulen und bereiten gezielt vor. Im besten Fall kommt später eine Nachricht: „Die Klassenarbeit hat gut geklappt!“

Aber es geht nicht nur um Schule. Es kann auch sein, dass der Aufenthaltstitel ausläuft,  oder dass es Probleme mit Anträgen oder Zahlungen gibt, zum Beispiel beim Jobcenter oder es gibt Konflikte im Betrieb. Dann helfen wir bei Anträgen, begleiten zu Terminen oder vermitteln im Gespräch mit dem Betrieb. Oft sind es Missverständnisse oder Unsicherheiten, die sich mit einem Anruf oder einem klärenden Gespräch aus der Welt schaffen lassen.

Gerade am Anfang ist vieles noch fragil – da kann ein kleiner Rückschlag schnell zu einem großen Problem werden. Aber wenn jemand da ist, der unterstützt, zuhört und mitdenkt, dann lassen sich viele dieser Stolpersteine gut überwinden.

Und dann kommt irgendwann der große Tag – die Ausbildung ist hoffentlich bestanden. Wie geht es dann weiter?

Steinhoff: Ja, tatsächlich haben mittlerweile die ersten Azubis ihre Ausbildung erfolgreich abgeschlossen – und ich habe immer noch Kontakt zu ihnen. Es ist schön zu sehen, wie viel zurückkommt. Viele möchten etwas zurückgeben, weil sie selbst so viel Unterstützung erfahren haben.

Einige sagen sogar, sie würden am liebsten bei uns etwas mitarbeiten. Auch wenn das nicht möglich ist, zeigt es doch, wie stark die Bindung ist. Für die Zukunft denken wir darüber nach, wie wir diese ehemaligen Azubis einbinden können. Vielleicht als Vorbilder oder Mentorinnen für neue Teilnehmende. Gerade mit Blick auf die nächsten Jahre wollen wir Strukturen schaffen, die genau das ermöglichen.

Klappt es mit der Übernahme im Ausbildungsunternehmen?

Steinhoff: Das ist unterschiedlich. Die ersten Azubis wurden übernommen. Darüber haben wir uns natürlich sehr gefreut. Aber das wird nicht in jedem Fall so sein. Bei manchen ist der Bedarf im Betrieb nicht da, bei anderen ist von Anfang an klar, dass keine Übernahme geplant ist. Einige Betriebe bilden bewusst aus, um jungen Menschen eine Chance zu geben, auch wenn sie keine langfristige Stelle anbieten können. Ich gehe davon aus, dass auch einige Azubis selbst nach der Ausbildung etwas Neues machen, den Betrieb wechseln oder sich weiterqualifizieren möchten. Das ist sehr individuell und hängt stark von den jeweiligen Rahmenbedingungen ab.

Für uns ist entscheidend, dass die Ausbildung gelingt – und dass die jungen Menschen gestärkt und mit einer klaren Perspektive in die nächste Phase starten, ob im selben Betrieb oder auf einem neuen Weg.

Das ist ja auch ein tolles Engagement.

Wöhlke: Aber es ist natürlich trotzdem der Anspruch, der dahinter steht. Klares Ziel ist es, die Ausbildung zu schaffen und anschließend in Beschäftigung zu gehen.

Steinhoff: Ich habe nicht den Eindruck, dass die Azubis, die jetzt fertig werden, Schwierigkeiten haben werden, etwas zu finden – selbst, wenn sie nicht übernommen werden. Das sind tolle junge Menschen, die sich in den letzten Jahren unglaublich gut entwickelt haben. Sie haben viel geleistet, sind gewachsen – und ich bin überzeugt, dass sie ihren Weg gehen werden.

Ihr begleitet vereinzelt auch schulische Ausbildung, fokussiert euch aber auf die duale Ausbildung. Was sind zusammengefasst für euch die Vorteile einer dualen Ausbildung?

Wöhlke: Ich finde, die duale Ausbildung hat große Stärken. Man lernt direkt dort, wo das Wissen gebraucht und angewendet wird: im Betrieb. Das schafft Praxisnähe, Verbindlichkeit und auch ein Gefühl von Zugehörigkeit. Man ist Teil eines Teams, erlebt den Arbeitsalltag mit und wächst mit den Aufgaben.

Ein weiterer Vorteil ist, dass Betriebe in der Regel ausbilden, um ihren eigenen Nachwuchs zu sichern. Sie können die Auszubildenden gezielt nach ihren Bedürfnissen qualifizieren – das ist ein großer Mehrwert, auch im Vergleich zu anderen Bildungswegen wie dem Studium, wo der Praxisbezug oft erst später kommt.

Steinhoff: Ich bin auch definitiv ein Fan der dualen Ausbildung. Man kommt direkt in ein Unternehmen und wird Teil einer Gemeinschaft. Das schafft nicht nur fachliche, sondern auch soziale Orientierung.

Ich habe selbst sowohl eine Ausbildung als auch ein Studium gemacht und gerade im Vergleich zu einem theoretischen BWL-Studium sehe ich bei kaufmännischen Ausbildungen echte Vorteile. Man lernt praxisnah, versteht Zusammenhänge direkt im Arbeitsalltag und kann zeigen, was man kann.

Die Ausbildung ist für viele ein echter Einstieg in ein selbstbestimmtes Leben und in den Arbeitsmarkt. Sie bietet die Chance, sich zu beweisen und Eigenständigkeit zu entwickeln. Und ganz konkret: Viele Azubis erwerben durch die Ausbildung auch einen Schulabschluss oder sogar einen höheren Abschluss. Das öffnet zusätzliche Türen und schafft neue Perspektiven. Ich bin überzeugt, dass die duale Ausbildung in Deutschland eine sehr gute Grundlage bietet. Danach stehen einem viele Wege offen.

Wöhlke: Die duale Ausbildung ist eine große Chance. Vor allem für diejenigen, die eher praktisch veranlagt sind. Es gibt viele junge Menschen, die sich im Betrieb hervorragend zurechtfinden, aber in der Schule eher kämpfen müssen. Die duale Ausbildung kommt ihnen sehr entgegen, weil sie zeigt: Lernen kann auch praxisnah und anwendungsbezogen sein.

Ich finde, die duale Ausbildung bietet eine sehr solide Grundlage – und oft sogar einen Vorsprung, wenn es um praktische Kompetenzen und das Verständnis für den Berufsalltag geht.

Und gibt es noch etwas, das ihr euch von der dualen Ausbildung wünschen würdet, damit sie für alle noch erfolgreicher laufen kann?

Steinhoff: Es wäre natürlich schön, wenn mehr Zeit und Ressourcen zur Verfügung stünden – ganz gleich, von welcher Seite. Denn wir merken deutlich: Die Herausforderungen der Auszubildenden werden immer individueller und standardisierte Antworten greifen oft zu kurz. Auch wenn ich keine konkreten Zahlen nennen kann, ist das ein klarer Trend, den wir in der täglichen Arbeit spüren.

Um diesen individuellen Bedürfnissen gerecht zu werden, braucht es mehr Raum für persönliche Begleitung – sei es durch Betriebe, Schulen oder ergänzende Angebote wie unseres.

Wöhlke: Vieles wirkt nicht mehr ganz zeitgemäß – gerade wenn man bedenkt, wie vielfältig und individuell die Lebensrealitäten junger Menschen heute sind. Und wenn wir uns als Einwanderungsland verstehen, in dem viele junge Menschen Deutsch nicht als Muttersprache sprechen, dann wäre es hilfreich, wenn Sprache in der Ausbildung einfacher und zugänglicher gestaltet würde. Das würde vielen den Einstieg und das Durchhalten deutlich erleichtern.

Steinhoff: Sprache ist definitiv ein Thema, besonders in der Berufsschule. Gerade weil viele junge Menschen Deutsch nicht als Muttersprache sprechen, wäre es wichtig, Prüfungsformate und Lernmaterialien zugänglicher zu gestalten. Das bedeutet nicht, fachliche Anforderungen zu senken, sondern sie klarer und verständlicher zu formulieren.

Wir erleben in der Praxis immer wieder, dass Azubis den Stoff inhaltlich verstanden haben – aber an der Formulierung der Prüfungsfragen scheitern. Wenn Multiple-Choice-Fragen mit doppelten Verneinungen oder Fragen mit unnötig vielen Fremdwörtern gestellt werden, ist das nicht nur schwer verständlich, sondern auch demotivierend. Dann wird nicht geprüft, was jemand weiß, sondern wie gut jemand Deutsch versteht – und das ist nicht immer fair.

Dabei ist das kein unlösbares Problem. Es gibt bereits Berufsschulen, die hier sehr sensibel vorgehen und ihre Materialien und auch Lernerfolgskontrollen entsprechend anpassen. Das zeigt: Es geht – und es lohnt sich. Denn am Ende geht es darum, jungen Menschen echte Chancen zu geben und sie nicht an sprachlichen Hürden scheitern zu lassen, die vermeidbar wären.

Recruiting ist in unserem aktuellen 360° Magazin das Schwerpunktthema. Wir nehmen ganz stark wahr, dass Unternehmen Schwierigkeiten haben, gute Bewerbungen zu bekommen, häufig überhaupt Bewerbungen zu bekommen. Habt ihr das Gefühl, ihr könnt über Azubis Companion auch beim Recruiting helfen?

Wöhlke: Eigentlich setzen wir erst nach dem Recruiting an – wenn der Ausbildungsvertrag bereits unterschrieben ist. Aber durch unser breites Netzwerk, etwa mit Schulen, Berufsorientierungsmaßnahmen und anderen Partnern, können wir durchaus unterstützen, wenn ein Betrieb Schwierigkeiten hat, passende Bewerberinnen und Bewerber zu finden.

In solchen Fällen schauen wir gerne in unser Netzwerk: Gibt es jemanden, der gerade sucht? Manchmal ergibt sich auch etwas über persönliche Kontakte – etwa Geschwister, Freundinnen und Freunde oder Bekannte von aktuellen Azubis. Und natürlich begleiten wir auch junge Menschen, die bei uns im Programm sind und die ihre Ausbildung abbrechen mussten und auf der Suche nach einem neuen Platz sind.

Offiziell gehört Recruiting aber nicht zu unserem Angebot. Wenn ein Betrieb kurz vor Ausbildungsbeginn noch niemanden gefunden hat, können wir durchaus helfen, Kontakte herzustellen – informell und unkompliziert.

Bestimmt kann es helfen, wenn man eine Stelle ausschreibt und dazu sagt, wir haben Azubi Companion im Hintergrund? Vielleicht trauen sich dann Jugendliche, die alleine sagen würden „Oh, ich weiß ich nicht, ob ich das schaffe“.

Steinhoff: Ja, absolut – und diesen Gedanken hören wir tatsächlich nicht zum ersten Mal. Viele Azubis spiegeln uns zurück, dass sie sich durch die Begleitung sicherer fühlen und besser durch die Ausbildung kommen. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass Unternehmen mit einem solchen Angebot auch nach außen werben können.

Wenn ein Betrieb sagt: „Bei uns bekommst du nicht nur eine Ausbildung, sondern auch eine feste Vertrauensperson an deine Seite, die dich begleitet, solange du Unterstützung brauchst“, dann ist das ein starkes Signal. Es zeigt Wertschätzung, Verlässlichkeit und echtes Interesse am Erfolg der jungen Menschen – und das macht einen Ausbildungsbetrieb definitiv attraktiver.

Wöhlke: Ich sehe das genauso. Wichtig ist vor allem, dass der Betrieb – so wie du es auch beschrieben hast – offen und klar mit den Auszubildenden darüber spricht. Die Frage, wie man so ein Thema überhaupt anspricht, wurde mir tatsächlich schon öfter gestellt. Es sollte ein unterstützendes Angebot sein– etwas, das da ist, um zu helfen, nicht um zu bewerten.

Denn genau das darf nicht passieren: Dass jemand das Gefühl bekommt, er oder sie hätte ein Defizit. Vielmehr sollte es als eine zusätzliche Möglichkeit verstanden werden, die Ausbildung gut und gestärkt zu durchlaufen.

Deshalb sagen wir auch ganz bewusst: Uns ist es wichtig, dass du gut durch die Ausbildung kommst – und deshalb bieten wir dir diese Unterstützung an. Vielleicht hast du ja Lust, dir das mal anzuschauen oder Kontakt aufzunehmen. Ich glaube, genau diese positive und einladende Formulierung ist entscheidend.

Ihr habt ein sehr beeindruckendes Angebot geschaffen. Über eure Ziele haben wir schon gesprochen. Aber vielleicht gibt es noch etwas, das ihr euch wünscht – vielleicht auch von HR-Verantwortlichen, die dies lesen?

Wöhlke: Unternehmenskooperationen und Netzwerke sind für uns von großer Bedeutung. Zum einen, weil wir – wie bereits erwähnt – einige unserer Auszubildenden ausschließlich über Spenden finanzieren können. Das wird für einen Teil der Azubis auch in Zukunft so bleiben.

Gleichzeitig ist es uns wichtig, unser Angebot langfristig stabil und qualitativ hochwertig aufzustellen. Dafür brauchen wir eine nachhaltige Gegenfinanzierung durch die Ausbildungsbetriebe – und genau hier spielen neue Unternehmenspartnerschaften eine zentrale Rolle.

Deshalb ist es für uns so wichtig, in diesem Bereich weiter voranzukommen und neue Kooperationen aufzubauen

Vielen Dank für das spannende Gespräch. Ich wünsche euch weiterhin viel Erfolg.

Fotos: Azubi Companion (Titel), Christian Ströder

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