14.11.2022

Im Interview: Minister Claus Ruhe Madsen

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Claus Ruhe Madsen ist ein Macher. Er will gestalten statt verwalten. Mit Bedenken und Zaudern hält sich der gebürtige Däne nicht gerne auf. Eine Eigenschaft, die ihn als Unternehmer erfolgreich machte und die er sich als Politiker bewahrt hat. Zwei Jahre lang war Madsen Oberbürgermeister der Hansestadt Rostock, dann holte ihn Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther in sein neues Kabinett – als Wirtschaftsminister. Wie es ist, als Unternehmer in die Politik zu wechseln, darüber sprach die Journalistin Jana Werner mit Claus Ruhe Madsen bei der AGA PolitikZeit 2022.

Herr Madsen, Sie waren Möbelhändler, Oberbürgermeister und sind nun Wirtschaftsminister. Wann schielen Sie auf den Posten des Ministerpräsidenten?

Claus Ruhe Madsen: Auf den schiele ich nicht. Als ich in den 1990er Jahren durch Schleswig-Holstein in Richtung Ruhrgebiet fuhr, hätte ich nie gedacht, dass ich eines Tages Unternehmer, IHK-Präsident, Oberbürgermeister oder Minister werde. Ich bin da, wo ich jetzt bin, erstmal zufrieden.

Irgendwann überlegen Sie also durchaus, einen anderen Job anzunehmen.

Madsen: Wenn mir jemand gesagt hätte, dass ich als Oberbürgermeister Schulen und Kitas schließen werde, dass ich die Hanse Sail und den Weihnachtsmarkt absage und danach noch einen Job habe, dem hätte ich nicht geglaubt. Ich habe in den ersten Wochen als Wirtschaftsminister versucht, Schleswig-Holstein so gut es geht kennenzulernen. Deshalb ist der Job, den ich gerade habe, mehr als genug.

Was war für Sie das Besondere daran, Unternehmer zu sein?

Madsen: Als Unternehmer muss man Augen und Ohren aufhalten. Als ich mein erstes Möbelhaus eröffnete, hatten wir so wenig Geld, dass die Mitarbeiter leere Cornflakes Packungen mitbrachten, damit wir im Möbelhaus dekorieren konnten. Am Anfang hat man kaum Sorgen. Mit dem Erfolg kommt die Angst, weil man plötzlich etwas zu verlieren hat. Doch wenn man mehrere Möbelhäuser hat, stellt man fest, dass es immer das Gleiche ist. Und da fiel mir ein, dass ich gerne eine Softeismaschine am Strand von Warnemünde hätte. Wenn man Softeis verkauft, ist nur wichtig, wie das Wetter ist. Sonne scheint, Eis läuft. Sonne scheint nicht, Eis läuft nicht. Und dann wollte ich Urlaub in einem Caravan machen und stellte fest, dass von Flensburg bis Rügen alles ausverkauft war. Das musste ein gutes Geschäftsmodell sein, also haben wir auch damit angefangen. Als Unternehmer muss man Chancen nutzen. Und wenn man Fehler macht, muss man neu starten.

Welche Rahmenbedingungen gab es, als Sie erstmals gründeten – und welche finden Sie heute vor?

Madsen: Wenn man das erste Mal gründet, weiß man nicht, worauf man sich einlässt. Damals musstest du die Oma ein bisschen verpfänden und dann hattest du eine Chance, dein Geschäftsmodell zu starten. Heute haben wir oft eine Mentalität im Bereich der Startups, wo es darum geht, wie man gefördert wird. Manche Startups bekommen eine hohe Fördersumme und verbessern ihr Produkt so lange, bis der Markt nicht mehr zum Produkt passt. Wenn man sein Möbelhaus mit leeren Cornflakes-Packungen dekoriert, weiß man, dass man heute ein Sofa verkaufen muss. Deshalb muss man Gründern beibringen: Starte auf Deinem Fahrrad, tritt selbst in die Pedale, sonst fällst du hin Entscheidend dabei ist aber auch: Die stärkste Unterstützung für den Mittelstand ist der Abbau von Bürokratie.

Warum genügte es Ihnen 2019 nicht mehr, Unternehmer zu sein?

Madsen: Vor ein paar Jahren war ich bei einer Weihnachtsfeier der damaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel, zu der sie als Bundestagsabgeordnete in ihrem Wahlkreis lud. Dabei fragte sie mich, ob ich mir vorstellen könnte, Oberbürgermeister von Rostock zu werden. Als ich wenig später begriff, dass das ernst gemeint war, habe ich mich damit befasst. Ich war lange Unternehmer und wusste nicht, ob ich in so eine Schublade passe. Also habe ich mir als parteiloser Kandidat überlegt, wie ich mir eine Stadt vorstelle, als Papa, als Unternehmer, als Bürger. Das habe ich aufgeschrieben, bin mit einem Lastenrad in alle Stadtteile gefahren und habe mit vielen Menschen geredet. Ich habe ein Gefühl dafür bekommen, was die Bürger wirklich bewegt. Und ich habe mir ein Buch gekauft, in dem steht, wie man eine Wahl gewinnt. Es hat funktioniert.

 Vielleicht sollten Sie den Buchtipp an andere Politiker weitergeben.

Madsen: Nein, jeder Mensch ist anders. Ich habe meinen Verkäufern immer beigebracht, dass jeder seine eigene Waffe hat. Sei, wer du bist und nicht das, was
du denkst, was die anderen wollen. Das habe ich auch Ministerpräsident Daniel Günther gesagt, als er mich fragte, ob ich Minister werden möchte: Wer einen bunten Vogel bestellt, bekommt einen bunten Vogel.

Worin unterscheidet sich das Wirken eines Unternehmers von dem eines Politikers?

Madsen: Während der Pandemie saß ich als Oberbürgermeister immer wieder mit den Chefs der Feuerwehr, der Polizei, dem Gesundheitsamt und meinen Senatoren zusammen. Jeder gab eine Einschätzung zur Lage ab, doch entscheiden musste ich allein.

Aber das kannten Sie doch als Unternehmer.

Madsen: Ja, als Unternehmer hört man sich auch die Fakten an, nimmt sich aber Zeit und entscheidet entweder sofort, in fünf Minuten oder morgen früh. Als Oberbürgermeister in der Pandemie musste ich stets sofort entscheiden. Oder als klar war, dass infolge des Ukraine- Krieges Flüchtlinge zu uns kommen, habe ich schnell Toiletten besorgt. Dabei wiesen mich meine Mitarbeiter darauf hin, dass das erst ausgeschrieben werden müsse und ich sonst vor Gericht lande. Aber mir war klar, wenn ich vor Gericht lande, weil ich Toiletten für Flüchtlinge organisiert habe, ist das kein Problem. Nur diesen Mut haben viele Politiker nicht, weil es oft um mehr als Toiletten geht. Unternehmer indes sind zwangsläufig mutig.

Können Sie als Politiker so unternehmerisch agieren, wie Sie es möchten?

Madsen: Bei Weitem nicht. Eine Erkenntnis, die man akzeptieren muss. Aber ich wollte Rostock mitgestalten und besser machen – und so ist es nun als Wirtschaftsminister. In Rostock habe ich gelernt, dass man kämpfen muss, um Leute mitzunehmen. Dabei hat uns Corona geholfen, einen großen Schritt beim Thema Digitalisierung zu gehen. Heute wissen wir, dass die Menschen von zu Hause arbeiten können. Mobiles Arbeiten noch stärker zu vermitteln, ist mir in Rostock aber nicht gelungen – das ärgert mich. Wir planen immer alles in Deutschland, diskutieren darüber – nur, um den Plan zu verwerfen und wieder von vorn anzufangen. Wir müssen aber neue Wege gehen, denn die Welt verändert sich rasant.

An welchen Stellen muss Norddeutschland noch enger zusammenarbeiten?

Madsen: Gute Wirtschaft braucht gute Infrastruktur. Was nützt mir eine Schiene oder Autobahn, die irgendwo aufhört. Auch das Thema Energie können wir im Norden zu unserem Vorteil nutzen. Ein gutes Miteinander und sich abstimmen, das ist wichtig. Wir brauchen mehr Verständnis füreinander. Wir müssen mit einer Stimme sprechen, dann rücken wir zusammen.

Wie meistern wir denn die Energiekrise?

Madsen: Wir alle sind in der Pflicht, ein bisschen zu sparen. Wir haben eine permanente Lieferung von Gas und ein Lager, das wir im Sommer füllen, um im Winter etwas herauszuziehen. Doch selbst, wenn das Lager zu 100 Prozent gefüllt ist, kommen wir nicht durch den Winter. Es wird also zu einer regionalen Gasmangellage kommen. Wir müssen sparen und hoffen, dass es nicht so lange kalt bleibt.

Aber was heißt ein bisschen sparen?

Madsen: Vielleicht gelingt es uns, uns zu einigen. Wie viel ist der Durchschnitt, wenn ich nur 80 Prozent verbrauche? Gibt es dafür einen Preisdeckel? Alles darüber hinaus ist mein Problem. Somit hätte jede Schule, jeder Verein, jedes Unternehmen eine Chance, damit umzugehen. Die Motivation liegt darin, den Menschen zu vermitteln: Wenn sie das schaffen, haben sie nach wie vor eine bezahlbare Rechnung. Geht es darüber hinaus, sind sie dem Markt ausgeliefert. Wir können nicht permanent nach dem Staat rufen und erwarten, dass er alle Probleme für uns löst. Nicht weit von uns herrscht ein Krieg, in dem Menschen sterben. Und wir regen uns auf, weil das Wasser kühler wird. Das ist nicht in Ordnung. Wir haben Menschen, denen geholfen werden muss, keine Diskussion. Für alle anderen gilt: Wir leben in einem Staat, in dem jeder für sich verantwortlich ist. Die Energiekrise wird länger dauern. Deswegen müssen wir die Erneuerbaren Energien weiter ausbauen und Ideologien über Bord werfen. Das heißt, dass wir weiter in die Energiewende investieren, aber für zwei, drei Jahre Steinkohlekraftwerke und ähnliches hochfahren müssen, damit wir Energie haben.

Muss Politik folglich unternehmerischer denken?

Madsen: Das Land muss lernen, unternehmerisch zu denken, womit ich beim Fehmarnbelttunnel bin. Zwischen Kopenhagen und Hamburg liegt Schleswig-Holstein. Wenn wir es jetzt nicht schaffen, über Lösungen statt Probleme zu sprechen, sind wir die Deppen. Dann macht Dänemark das komplette Geschäft. Dort wird am Fehmarnbelttunnel ein Gewerbegebiet gebaut, nebenan ein Bildungscampus und ein Ferienresort. Und das ist Randdänemark, da dreht die Möwe normalerweise um, weil sie denkt, da kommt nichts mehr. Was ich damit sagen will: Wenn du über Chancen redest, bekommst du Chancen. Wenn du über Probleme diskutierst, bekommst
du Probleme. Und da sind wir leider Meister drin. In Dänemark gibt es 300 Einwände gegen den Fehmarnbelttunnel, auf deutscher Seite 12.500. Wir müssen hierzulande optimistischer werden und gemeinsam an unserer Zukunft arbeiten.

Was bedeutete Verantwortung für Sie als Unternehmer?

Madsen: Morgens in den Spiegel zu schauen, mir etwas vorzunehmen und abends zu sagen: Gut gemacht.

Was bedeutete Verantwortung für Sie als IHK-Präsident zu Rostock?

Madsen: Das Gleiche.

Und was bedeutet Verantwortung für Sie als Politiker?

Madsen: Ich habe die Chance, mitzugestalten. Meine größte Verpflichtung ist, nicht zu vergessen, dass die Institution vor der Person kommt. Was wir tun, ist wichtiger als wir selbst. Ich wünsche mir, dass wir weit nach vorn denken, so, wie es Unternehmer tun. Ich möchte, dass die Leute später sagen: Das war ein Guter. Dann habe ich als Minister vieles richtig gemacht.

Und wenn der Minister Madsen scheitert, wird er dann wieder Unternehmer?

Madsen: Definitiv. Sollte ich eines Tages alles andere gut abgedeckt haben, möchte ich mich für Menschen einsetzen, die es wirklich brauchen. Und wenn ich wieder eine gute Idee habe, so wie die Softeisbude, werde ich sie umsetzen. Was ich nicht machen werde, ist, meinen jetzigen Job dazu zu nutzen, ein anderes Arbeitsverhältnis zu erreichen. Das ist geschmacklos.

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