14.11.2022

Unternehmerin Zoë Andreae über Verantwortung & Digitalisierung

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Zoë Andreae ist Geschäftsführerin von LECARE, einem Hamburger Familienunternehmen, das Software für Rechtsabteilungen anbietet. Im Jahr 2017 hat sie über Nacht von ihrem Vater Volker Andreae das Ruder des Unternehmens übernehmen müssen. Wir haben mit ihr über diese Verantwortung gesprochen und wie Digitalisierung hineinspielt.

Sie haben mit 23 Jahren die Führung bei LECARE übernommen. Wie haben Sie diese Zeit erlebt? Was waren besondere Herausforderungen?

Zoë Andreae: Die plötzliche Übernahme führte in meinem Leben tatsächlich zu vielen Herausforderungen auf einmal. Privat in der Familie natürlich, und gleichzeitig beruflich. Ich war gerade mit dem Masterstudium fertig und mitten im Bewerbungsprozess. Zu der Zeit war sogar ursprünglich geplant, dass ich meinen Vater für zwei Monate während der Bewerbungsphase im Unternehmen begleite. Ich wusste, an welchen Themen er aktuell arbeitet und hatte kurz zuvor meine Masterarbeit im Bereich Legal Tech geschrieben. Inhaltlich war ich also sehr gut vorbereitet, aber die Situation kam sehr plötzlich. Und auf die Rolle der Geschäftsführung war ich definitiv nicht
vorbereitet, eine Übergabe gab es leider auch nicht. Unabhängig davon stand für mich allerdings nie zur Debatte, ob ich in dem Moment einspringe. Es war Samstag und für mich stand fest: Ich gehe da am Montag hin. Als Vertreterin der Unternehmerfamilie ist es ein Selbstverständnis, dass ich einspringe. Zudem bin ich bestens ausgebildet, kenne die Firma von Geburt an, traue mir das zu und habe ein großartiges Team vor Ort. Der Moment, Verantwortung zu übernehmen, ist genau jetzt. Auch wenn ich andere Pläne hatte und privat bei mir gerade alles auf den Kopf gestellt wurde. Das Familienunternehmen hat Priorität.

Was war Ihnen in diesem Moment wichtig?

Andreae: Mir war wichtig, Ruhe und Sicherheit ins Unternehmen zu bringen. Ich wollte im ersten Schritt hauptsächlich den Mitarbeitern das Gefühl von Stabilität geben. Das war meine Verantwortung. Ich dachte, egal, was am Ende meine Zukunft ist, das ist jetzt das Wichtigste. Alles andere sieht man dann.

Wie gestaltete sich die erste Zeit?

Andreae: Erst einmal ging es darum, mich zu orientieren. Ich war unendlich dankbar, dass wir ein Familienunternehmen sind. Die Hilfsbereitschaft und der Zusammenhalt waren sehr groß. Im ersten halben Jahr kamen auch relativ schnell große Themen auf mich zu, die ich in der Form noch nie behandelt hatte. Wir hatten viel interne Expertise, zogen aber punktuell bei Bedarf externe Unterstützung hinzu, um die Themen bestmöglich zu bearbeiten. Dadurch konnten wir gut vorbereitete Entscheidungen treffen. In den letzten fünf Jahren habe ich mit Sicherheit auch weniger gute Entscheidungen getroffen, aber daraus viel gelernt. Ich finde es wichtig, zurückzuschauen, warum eine Entscheidung nicht richtig war, um sich für die Zukunft noch besser aufzustellen.

Ihre Familie blickt auf eine lange Unternehmertradition zurück. Ihr Ururgroßvater Hermann Blohm beispielsweise war Mitgründer von Blohm+Voss. Wie hat Sie das geprägt?

Andreae: Sehr stark. Ich bin in den Traditionen, mit den Werten des Unternehmertums aufgewachsen. Auch Blohm+Voss hat mich mein Leben lang begleitet, obwohl wir dort als Familie nicht mehr aktiv sind. Es wurde immer viel darüber gesprochen, wie das Unternehmen aufgebaut wurde, wie es sich entwickelt und verschiedene Zeiten durchlaufen hat. Der Zusammenhalt, der sich durch eine solche Historie durch die Familie zieht, war sehr prägend. Der Unternehmergeist, nicht aufzugeben, sondern gerade in schwierigen Zeiten Verantwortung zu übernehmen und richtig Gas zu geben, bestärkt mich heute mehr denn je.

Inwiefern?

Andreae: Wir haben beispielsweise ein Blohm‘sches Familienhaus an der Ostsee, in dem die verschiedenen Zweige der Familie regelmäßig zu Jahrestreffen oder Jubiläen zusammenkommen. Man merkt selbst als kleines Kind, dem wird eine Bedeutung beigemessen, ohne dass man den Kontext direkt einordnen kann. Es erweckt auch einen gewissen Stolz, dass ein Vorfahr so ein Unternehmen aufgebaut hat. Auch große Krisen überwunden hat. Das inspiriert mich enorm, besonders in der Corona-Krise. Diese Krise war und ist zwar signifikant, aber nicht im Vergleich dazu, welche Tiefschläge meine Vorfahren bereits gemeistert haben. Ich habe mir gesagt: Wow, da werde ich ja wohl diese Pandemie meistern. Das Zurückblicken auf meine Wurzeln gibt mir Kraft.

Welche Werte haben Sie dabei geprägt?

Andreae: Verantwortungsbewusstsein, Langfristigkeit, Zukunftsorientiertheit, aber auch Sicherheit. Diesen Begriff sehe ich jedoch manchmal zwiegespalten, denn das Bedürfnis nach Sicherheit darf nicht der Blocker für Innovationen sein. Sicherheit in Bezug auf Arbeitsplätze aber auf jeden Fall. Das war mein Hauptanliegen, als ich das Unternehmen übernommen habe. Am Ende des Tages steckt hinter Sicherheit das Wort Verantwortung. Also für das Unternehmen, die Mitarbeiter, die Kunden und die Familie Verantwortung zu übernehmen.

Was macht diese Verantwortung aus?

Andreae: Dass man die Bereitschaft hat, unangenehme Dinge anzugehen, insbesondere aktiv. Dass man die Verantwortung nicht nur sieht, sondern auch übernimmt. Dass man nicht passiv verwaltet, sondern überlegt, wie man das Unternehmen langfristig erfolgreich aufstellen kann, sodass es in vielen Jahren vielleicht an die nächste Generation übergeben werden kann. Man muss aber auch früh anfangen, Dinge zu verändern, um in einem sich rasch verändernden Markt frühzeitig zukunftssicher aufgestellt zu sein.

Gehört das zu Ihrer persönlichen Sichtweise auf Unternehmertum?

Andreae: Meine Hauptaufgabe für die Firma besteht darin, permanent zu schauen, wie wir uns weiterentwickeln müssen. Für mich ist der absolute Endgegner Stillstand, sich auszuruhen auf dem Status Quo, den man für ausruhwürdig hält. Man braucht die Erfahrung, die Tradition als solides Fundament, auf das man aufbauen kann. Aber es ist auch ganz wichtig, zu wissen, wo es Dinge im Fundament gibt, die erneuert werden müssen. Denn wenn ein Stein bröckelt und da plötzlich Sand ist, dann wackelt es sehr schnell. Ein Unternehmer hat mir einmal gesagt: Die Aufgabe als Nachfolger ist nicht, die Asche zu bewahren, sondern das Feuer zu entfachen. Damit kann ich mich selbst total verbinden.

Haben Sie dabei auch die nächste Generation im Blick?

Andreae: Ja, die Frage, wie ich es schaffen kann, dass ein Softwareunternehmen in 25 Jahren noch existiert, beschäftigt mich sehr. Das ist eine riesige Verantwortung, die ich spüre, aber im positiven Sinne. Ich freue mich über die unternehmerische Gestaltungsmöglichkeit, die ich habe, weil ich aus einem sicher aufgestellten Unternehmen noch viel mehr machen kann.

Offenbaren sich hier Herausforderungen?

Andreae: Ja, bei 35 Jahren Unternehmensgeschichte, natürlich. Man muss ausloten, wo der größte Handlungsbedarf ist. Was hält uns auf, unser volles Potenzial zu entfalten? Dabei muss man einerseits offen und objektiv, und gleichzeitig wertschätzend sein, denn vor 20 Jahren war das im Zweifelsfall die richtige Entscheidung. Ich weiß auch nicht, was in 20 Jahren die perfekte Technologie ist, um das zu tun, was wir gerade tun. Die Wertschätzung der Tradition und das bisher Geschaffte ist ein elementarer Wert für unser Unternehmen, denn ohne sie wären wir heute nicht hier. Ich finde es aber wichtig, dies mit Offenheit zu selbstkritischer Reflektion, Neugier und Mut zu kombinieren. Das sind für mich persönlich ganz zentrale Werte. Zu sagen, wir trauen uns, diese Wege zu gehen, auch wenn wir sie noch nicht kennen.

Gibt es da Grenzen?

Andreae: Mal eben einfach loslaufen, das geht nicht. Dafür ist die Verantwortung zu groß. Wir sind kein Startup, das riesige Investitionssummen von Risikokapitalgebern hat, wo ein möglicherweise ausbleibender Erfolg ein potenzielles, aber kalkuliertes Risiko darstellt. Ich möchte nachhaltiges Wachstum. Ich will nicht überschnell expandieren, um in zwei Jahren potenziell Standorte wieder schließen zu müssen. Das ist nicht meine Vorstellung. Als Familienunternehmen wollen wir Best-in-Class in unserer Nische sein und nachhaltig erfolgreich wachsen. Agile Methoden, um schnell neue Ideen zu testen, sind dabei essenziell. Diese Ideen dann aber unüberlegt schnell zu skalieren, ohne die restlichen Unternehmensbereiche ausreichend darauf vorzubereiten, ist nicht unbedingt zielführend.

Digitalisierung ist ein wichtiges Thema für Sie. Wie gehen Sie damit bei LECARE um und was empfehlen Sie anderen Familienunternehmen?

Andreae: Man denkt bei Softwareunternehmen immer, sie seien komplett durchdigitalisiert. Das ist nicht immer so, und das ist auch in Ordnung und normal, gerade bei älteren Unternehmen. Es ist dann umso schöner, wenn man erkennt, an dieser Stelle haben wir selbst noch Potenzial und können uns selbst beraten. Es muss ja nicht immer Probleme geben, sondern könnte auch einfach besser funktionieren. Die Frage ist, wo stehen wir, wo wollen wir hin, was brauchen wir?

Und dann kauft man Software?

Andreae: Nein, bevor man ein Tool kauft, sollte man überlegen, ob die Strukturen, Abläufe und Ziele klar sind. Wenn ja, kann man sie digital optimieren und teilweise automatisieren. In der Theorie klingt das toll, trifft aber nicht nur auf Begeisterung. Ich empfehle, in einem Bereich zu starten, in dem die Offenheit und die Signalwirkung am größten sind. Wir hatten beispielsweise einen manuellen, postalischen Prozess für Wartungsrechnungen. Das hat jedes Quartal etwa zwei Wochen gedauert. Wir haben uns dann angeschaut, welche Lösungen es auf dem Markt gibt und was zu uns passt. Jetzt sind es eineinhalb Minuten, plus zehn Minuten für Rechnungen, die noch per Post zugestellt werden müssen.

Digitalisierung lohnt sich also.

Andreae: Das glaube ich sowieso immer, aber es sollte nicht das Hauptargument sein. Denn es hilft bei der Überzeugung nicht. Es muss für jeden Einzelnen im Team klar sein, warum es gut ist und was sich für jeden individuell und für das Team als Ganzes verbessert.

Ist das bei Veränderungen generell der Fall?

Andreae: In Veränderungsprozessen benötigt es immer extrem viel Überzeugung und Kommunikation. Man kann nicht einfach sagen: Jetzt ist alles anders. Es muss ja jeder mitziehen. Wenn das Team sagt, wir finden das blöd und geht, dann haben wir nichts gewonnen.

Sie gehören zur jungen Unternehmergeneration. Welches Thema ist dort aktuell besonders wichtig?

Andreae: Ich finde es wichtig, zu schauen, was man tun muss, um die neuen Brains der nächsten Generation für sich zu gewinnen. Ohne die richtigen Talente habe ich als kleines Unternehmen keine Chance. Mir fehlt natürlich die Bekanntheit von Amazon oder Google. Als junge Unternehmergeneration müssen wir beobachten, wie die zukünftige Welt aussieht und was die Herausforderungen sind. Wenn man nicht bereit ist, ganz neue Wege zu gehen, kann man gleich zu Hause bleiben. Man muss nicht von heute auf morgen alles umstellen, aber man muss sich auf den Weg machen und das Unternehmen schrittweise dahinführen.

Ist das unternehmerische Verantwortung?

Andreae: Ja! Unternehmerische Verantwortung heißt, ständig aktiv im Blick zu haben, ob das Unternehmen gut aufgestellt und ob die langfristige Sicherung gewährleistet ist. Und wenn man nicht weiß, wie man da herangeht, sich Hilfe zu holen. Man muss nicht alles können. Deswegen bin ich ein riesengroßer Fan von Netzwerken wie dem Club europäischer Unternehmerinnen, DIE JUNGEN UNTERNEHMER oder Entrepreneurs Organisation. Ich mache das sehr extrem, aber finde es wichtig, Erfahrungswerte auszutauschen.

Gibt es Themen, um die Sie sich zügig kümmern sollten?

Andreae: Künstliche Intelligenz ist ein solches Thema. In Asien ticken die Uhren ganz anders, dagegen sind wir in Deutschland im Tiefschlaf. Bei Künstlicher Intelligenz müssen wir im Kleinen beginnen, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Und das gar nicht mit unseren direkten Konkurrenten, sondern mit den großen Technologieunternehmen. Wenn Elon Musk morgen entscheidet, er will in unseren Geschäftsbereich einsteigen, dann könnte es schwierig werden. Die Automobilbranche erlebt das gerade.

Aber die digitale Transformation ist generell gar nicht so leicht, oder?

Andreae: Die jungen Familienunternehmer wissen, wie schwer die digitale Transformation ist. In der Theorie ist alles ganz toll. Aber es ist eine Entwicklung der Kultur des Unternehmens, und das ist tiefgreifend und richtig anstrengend. Ich glaube ehrlich gesagt, in der älteren Generation denkt man oft: Ach, das läuft doch. Wir machen das schon immer so und sind super erfolgreich. Wir wachsen doch (noch). Oder: Das verstehe ich nicht, das sollen dann bitte die Nächsten nach mir machen. Und dann warten sie, bis die nächste Generation kommt, die es macht – wenn sie denn kommt. Sie verstehen vielleicht auch noch nicht, dass TikTok mittlerweile ein Commerce-Channel ist und dass das Metaverse die Commerce-Strategie beeinflussen könnte.

Was haben Sie mit LECARE noch vor?

Andreae: Oh, da kommt noch ganz viel. Aktuell investiere ich neben der Transformation des bestehenden Unternehmens viel Zeit, zu überlegen, wie unser zukünftiges Geschäftsfeld unabhängig vom jetzigen aussehen kann. Wir schauen auf unsere Kundengruppe und entwickeln ein Nachfolgeprodukt – um uns rechtzeitig selbst abzuschaffen.

Sie wollen Ihr Unternehmen selbst abschaffen?

Andreae: Ja, es ist deutlich sinnvoller sich selbst abzuschaffen, als dass es jemand anderes tut. Ich sehe bei unserem aktuellen Geschäftsfeld weiterhin großes Potenzial, aber sich aktiv zu fragen: Was könnte für uns bedrohlich werden und warum machen wir das nicht selbst? Das macht absolut Sinn.

Kontakt

Tschirch
Volker Tschirch
Hauptgeschäftsführer
Tel.: 040 30801-155
Ströder
Christian Ströder
Referent Öffentlichkeitsarbeit & Kommunikation
Tel.: 040 30801-162